Betty Meint: „Euer Hype-Train kotzt mich an!“

Veröffentlicht von Betty am

Betty meint: "Euer Hype-Train kotzt mich an!"

Höher! Schneller! Weiter! Härter! Krasser! NOCH KRASSER!
Geile Larp-Konzepte noch und nöcher, egal wohin das Auge blickt. Wir spielen in der goldenen Larp-Epoche, wo jeder, der Larpen will, das auch kann; wo Schwerter und Rüstungen kein Monatsgehalt mehr kosten, es aber können, wenn man Bock drauf und das nötige Kleingeld hat. Es ist die Zeit von 1-Spielenden-Mini- bis hin zu 10.000-Spielenden-Großcon-Larps. Wir sind in einer Ära angekommen, wo klassisches Fantasy schon fast abgedroschen ist und jedes noch so abgefuckte Larp-Konzept eine Verwirklichung findet.

Und jedes noch so abgedrehte Konzept findet seine Anhänger! Die Larp-Rakete steigt immer höher und die Konzepte werden immer krasser. “Cool” sagen da Einige… und “Lass machen! Ab die Post und raus dafür! Shut up and take my money!”. Ich hingegen sage: NEIN! Nicht alles, was man machen kann, muss man auch tun.

Ich sollte mir an meine eigene Nase fassen, höre ich schon einige von euch bellen wie die getroffenen Hunde, die sie sind. Ich war ja schließlich bei mindestens einem dieser obengenannten Larpkonzepte sogar selbst dabei! Aber genau deshalb weiß ich eben auch, wovon ich schreibe. Ich fordere keineswegs, dass Leute nicht die Larps spielen sollen, auf die sie Bock haben. Ich fordere auch keineswegs, dass man keine abgefahrenen, kreativen Larp-Ideen umsetzen soll. Wenn ich mir den geschmacksarmen Einheitsbrei ansehe, den über 30 Jahre auf Sparflamme eingekochtes Fantasy-Larp heutzutage hervorbringt, wundert es mich kein Stück, dass ich in diesem Jahr auf keiner einzigen Fantasy-Larp-Veranstaltung als Spieler zu finden sein werde. Also: “Go crazy, bitches und gebt mir den heißen Scheiß intravenös und am besten sofort!”?

Nope!

Denn was mir an ebendieser “kreativen Vielfalt” gewaltig auf den Sack geht, ist der Hype-Train, dessen Kohlekessel im Umfeld dieser ach so geilen Projekte mit Hochdruck befeuert wird. Der reisst nämlich auch Leute mit, die vielleicht noch gar nicht wissen, ob er in die richtige Richtung fährt, lässt einige, die gerne mitreisen würden aber Angst vor der Geschwindigkeit haben am Bahnsteig zurück und kann auch schon mal ein paar Reisende weit über das Ziel hinaus befördern und so entgleisen.
Ihr glaubt mir nicht?
War ja klar. Listen here….

“Fear of missing out” geht auf den Sack und an den Geldbeutel - oder auch

In eurer Larp-Bubble taucht auf einmal das neue High-Value-Blockbuster-Larp auf. Eure Social-Media-Bubble geht total steil drauf weil… es so schön glänzt und wir uns noch nicht am neuen heißen Scheiß sattgespielt haben oder was weiß ich warum. Die Nachfrage scheint hoch zu sein, sehr hoch. Also bloß schnell angemeldet, wenn der Zeitraum dafür offen ist, sonst sind alle Plätze weg. Vielleicht wird noch mit Losverfahren o.Ä. der Hype-Train weiter befeuert. Also ran an die Tickets. Kostet auch “nur” 600€… was solls, ist ja noch Zeit hin, das kann man ins Budget einplanen…
nur um dann über die nächsten Monate, wenn der Hype verfliegt, vielleicht eben doch festzustellen, dass ihr das Konzept nicht soooo toll findet oder ihr andere Probleme habt (wie beispielsweise, dass 600€ doch eine Stange Geld sind… “Who would have thunk?”). Aber der Hype hat euch dazu gebracht, dass ihr euch anmeldet. Ergo müsst ihr euch jetzt umschauen, dass ihr noch jemanden findet, dem man sein Ticket für hoffentlich möglichst viel des Kaufpreises andrehen kann, um ohne (viel) Verlust da rauszugehen.

Logo, Orgas bieten dafür dann auch Foren o.Ä. an um da zu unterstützen. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Die SO gehypten Cons werden eh voll, auch ohne so einen Riesenhype. Und die Lösungen, die die Orgas anbieten sind doch maximal Alibi-Pflaster für Probleme, die es ohne sie gar nicht geben würde! Von der emotionalen Arbeit hierbei fange ich noch nicht mal an! Hype soll die Con vollkriegen. Das tut er auch, aber oftmals eben auf Kosten der Psyche und des Geldbeutels der Larpenden die vielleicht mit genaurem Nachdenken und weniger emotionalem Druck diese Con doch nicht SO passend für sich gefunden hätten. I get it – bei so einem momentanen Überangebot an Larps muss man um sein Publikum buhlen. Aber Publikum um jeden Preis? Really?

“Ein bisschen Schwund ist immer…” - oder auch

Ihr habt euch für ein Mega-Hype-Larp entschieden und seid sogar durch den Casting-Prozess, die Auslosung, whatever gekommen.
Gratulation!
Ihr entscheidet euch auch, dass das Konzept weiterhin etwas für euch ist und ihr nicht nur wegen “Fear of missing out” dabei seid. Jetzt mal locker machen? Weit gefehlt. Denn jetzt gibt die Orga noch mal richtig Dampf auf den Kessel: Pre-Play/Charakterverknüpfungen aushandeln/Gewandungen zeigen etc. oftmals noch angeheizt durch Thementage o.Ä. Die Community geht ab und der Hype-Train goes brrrrrrrrrrr.
Doch fährt der gelegentlich halt damit auch ohne ein paar von euch und lässt diese verwirrt am Bahnsteig zurück und im Regen stehen. Müssen die jetzt hinterherlaufen? Sind sonst alle coolen Charakterverknüpfungen schon weg, wenn man nicht direkt als erste*r am Buffet ist? Ist man uncool, wenn man nicht die krasse Charaktergeschichte hat wie die anderen die vom Hype beflügelt die Untiefen ihres Charakters anteasern? Wie soll man bitte diesen Gewandungsstandard erreichen, den da einige bereits jetzt schon zeigen? Versteht mich nicht falsch, der Adrenalinkick, den man bei voller Fahrt auf dem Hype-Train hat, ist der SHIT! Im Idealfall beflügelt so eine Hochgeschwindigkeitsfahrt die Community als Ganzes. Man sollte als Orga aber nur nicht vergessen möglichst ALLE mitzunehmen, dafür vielleicht ein paar Ersatzzüge aufs Gleis zu bringen, oder eben die Fahrt von Beginn an gedrosselter starten lassen.

“Das nennst du ein Messer? DAS ist ein Messer”

Was ist geiler als gespielte Polizeigewalt im Larp? Gespielte Polizeigewalt im Larp mit einem gedrosselten Taser! HELL YEAH!…

Wait what? FUCK NO!

Wer wissen will, wie ein Hype-Train SEHR schnell falsch abbiegen kann, muss sich nur einmal anschauen, wie sich gehypte Spielende gegenseitig hochpushen mit neuen, geilen (und noch neueren, noch geileren) Ideen, besonders bei neuen, abgedrehten, “grenzüberschreitenden” Larp-Konzepten. Da, wo “Safe, Sane, Consensual” aufhört und definitiv noch kein “Risk Aware Consensual” angefangen hat (Betonung auf “Risk Aware”) liegt die gefährlichste Grauzone, in der so ein Hype-Train entgleisen kann. Denn glaubt mir, das Beispiel mit dem gedrosselten Taser ist (leider) NICHT ausgedacht. Klar, hier konnte die Orga noch eingreifen und das verhindern, bevor sowas auf Con mitgebracht wurde…aber WT actual F? Und ich will gar nicht wissen, auf was manche Leute für Ideen kommen auf den wirklich (!) abgedrehten Larp-Konzepten. Und jetzt weiß ich auch nicht, wie ich meinen Punkt noch klarer machen soll als durch dieses Beispiel, daher geht’s direkt weiter zum Fazit.

Drosselt den Hype-Train um nicht zu entgleisen!

Ich wette, wenn ich in die Kommentare schaue, werdet ihr gleich sagen, dass ich hier nur die schlimmsten Fälle rausgegriffen habe. Ich wette auch, ihr werdet mir sagen, dass das alles nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Ihr werdet sagen, dass da sehr viel Selbstverantwortung bei den Spielenden liegt.
… und ihr hab ja Recht!
…aber das ist gar nicht mein Punkt!

Selbstverantwortung der Spielenden heißt nicht, dass die Orga keine Verantwortung trägt. Orgas, die gedankenlos ihren Hype-Train anheizen und auf voller Fahrt losfahren und ggf. halt auch crashen lassen. Wenn ich alle drei Fälle aus meinen Beispielen entweder selbst erlebt oder im direkten Umkreis erfahren habe, teilweise mehrfach, kann ich nicht mehr von “Einzelfällen” ausgehen sondern von einem strukturellen Problem. Zu sagen, dass da Spielende eine Mitverantwortung haben, reicht mir nicht. Ich nehme die Orga mit in die Pflicht, denn wie sagt schon das Design-Larp-Buch so schön? “Everything is a designable surface!” – eben auch der Hype.


3 Kommentare

Qan · 2023-06-05 um 16:38

Hi Betty, hab deinen Artikel gerade im Millenniumserver gefunden und habe mich beim Lesen teilweise sehr hart nickend erwischt 😀

Gerade das FOMO-Problem ist imho ein sehr großes und auch die peer pressure die Vorbereitung/Gewandung/diesdas betrifft. Habe mich in letzter Zeit bei einigen LARPs aktiv daran erinnern müssen, dass es vollkommen fein ist, nicht alles schon Monate vorher parat und geil und fertig zu haben.. oder überhaupt alles geil und krass und wasweiß ich zu haben und fünftausend Verknüpfungen noch dazu.

Gut vorbereitet sein ist eine Sache, aber wenn alles durchgestylt und geplant ist, geht imho sehr viel vom Reiz, weswegen ich eigentlich larpe, verloren: Improvisation.
Und ich finde es ist vom Ticketpreis mal abgesehen auch so ein generell teures Hobby, dass durch die hypetraintour in Gefahr gerät noch teurer zu werden – dabei sollte auch hier bedacht werden, dass es nicht nötig ist, zig Teile für ein Oneshot-Larp neu anzuschaffen, die danach nur herumliegen oder weggeworfen werden.

Muss mich da selbst aktiv dran erinnern und auch oft von Übermut abhalten. Denn ja es sähe bestimmt geil aus…aber wenn es nur einmal getragen wird, ist auch scheiße.

Kunstgebilde · 2023-05-25 um 11:17

Ein sehr schöner Artikel wieder mal! Ja, ich habe schon das „Fear of Missing out“ erlebt und wurde von mehreren Hype-Trains schon überrumpelt und entgleist. Ich hab einiges an Geld verloren und hatte Zweifel an mir selbst, ob ich nicht Schuld bin, dass ich keinen Spaß/mich ausgeschlossen fühle…aber es war der große Hype, das anfeuern und immer mehr, immer besser sein, dass mich wirklich erschreckt und rausgeschmissen hat.
Ich fühle diesen Artikel sehr und danke dir sehr für ihn! Es ist schön, dass es nicht nur mir so geht ^^; Vielen Dank dafür, ich bin ja kein Rant-Liebhaber, aber du machst das einfach super, Rant mit Mut und Verstand, I love it! <3 Viel Herz dafür!

Joachim · 2023-05-25 um 11:11

Danke für diesen Artikel. Was mich an den Hypetrains auch unfassbar frustriert ist der: „Jede:r muss dahin!“ und vor allem: „Wer es nicht gut findet, ist halt nur zu doof, zu verstehen, was gutes LARP ist“. Dadurch entsteht aus FOMO und Gruppendruck eine unfassbar unangenehme Gemengelage.

Daher: Danke.

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