Imposter-Syndrom is a bitch – Wie kann Larp helfen?

Veröffentlicht von Betty am

Imposter-Syndrom is a bitch - Wie kann Larp helfen?

Ich bin ein Hochstapler.
Zumindest ist ein Teil meines Selbst davon absolut überzeugt.
Diesem Teil von mir ist vollkommen egal, was ich kann oder was andere offensichtlich von mir denken. Leute mögen mich? Dieser Teil von mir glaubt: „Klar, weil sie mich nicht genug kennen, sondern sie nur die guten Seiten sehen wollen. Meine Probleme kennen sie nicht oder wollen sie übersehen.“
Leute finden, ich bin ein guter Rollenspieler? In meinem Kopf gab es allerdings eine vollkommen andere/härtere/tiefere/whatever Interpretation des Charakters, die ich nicht rübergebracht habe. Ich bin mit mir selbst und meiner Leistung unzufrieden.
Leute finden, ich bin eine gute Spielleitung? Das ist schön, aber ich tue nichts Besonderes, sondern habe zufällig halt „das richtige“ getan. Und selbst wenn – mein Beitrag war nur klein, es gab noch ein großes Team, dass das Gesamtprojekt gemeinsam gestemmt hat – im Grunde hätte das alles auch ohne mich funktioniert. Ich fühle mich selten als wirklich gleichwertigen Teil eines Teams, und dieser Teil meines Gehirns sucht stetig Gründe, warum ich eben doch Außenseiter bin und nicht „dazugehöre“. Das tut er, um mich zu schützen… davon ist er zumindest überzeugt.

Denn ich habe Angst davor, dass Die Anderen ™ da draußen irgendwann mitbekommen könnten, dass ich ja gar nicht so besonders bin, wie sie denken. Ich habe Angst davor, dass sie diese innere Sichtweise von mir übernehmen und die leise, aber penetrante Stimme in mir Recht hat. Daher tue ich mich sehr schwer damit, Lob anzunehmen oder stolz auf etwas zu sein, das ich geschafft habe. Denn wenn ich das bin, und die anderen dann doch irgendwann erkennen sollten, dass ich ein Hochstapler bin, dann ist der Fall nur umso tiefer.

Dieses Verhalten, diese innere Stimme, nennt man „Imposter-Syndrom“, vom englischen Wort für Hochstapler. Verschiedene Studien gehen mittlerweile von 30% – 70% der Menschen aus, die zeitweilig und in verschiedenen Härtegraden davon betroffen sind. Seit 1978 ist der Begriff bekannt, damals genutzt von Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes in einem Artikel (eng) über dieses Phänomen bei erfolgreichen Frauen. Inzwischen ist bekannt, dass Männer und Frauen gleichermaßen davon betroffen sind.

Was der inneren Stimme dabei egal ist: Sie schränkt mich massiv in meiner persönlichen Entfaltung ein. Das, was ich im Larp gut kann (ich arbeite seit über zehn Jahren bei verschiedenen größeren und kleinen Larps als OT-SL/Orga mit und habe sehr viel positives Feedback erhalten), nutze ich noch lange nicht in meinem restlichen Leben, vor allem nicht in meinem beruflichen Alltag. Die Selbstsischerheit, die ich im Larp habe, lege ich im Beruf nur dann an den Tag, wenn der Bleed es hinüberträgt und auch nur so lange, bis er spätestens ein paar Tage später wieder abflaut und ich wieder voll in meinem alten Trott bin. Und auch im Larp bleibe ich (glaube ich) unter meinen Möglichkeiten zurück, weil ich Angst habe, das voranzutreiben, worin ich mich rational betrachtet gut finde(n sollte).

In aller Klarheit: Dieser Blog-Beitrag ist kein „Fishing for compliments“ und auch kein Weinen über diesen Zustand. Im Gegenteil möchte ich Anderen und auch mir helfen, besser mit diesem Zustand klarzukommen und zeigen, wie Larp dabei helfen kann und es für mich zumindest auch tut. Für mich ist eine offene Kommunikation über dieses Phänomen sehr wichtig. Zum einen, weil es mir ein kleines Stück mehr Kontrolle darüber gibt. Zum anderen, das habe ich erlebt und gelernt: Wenn man mitbekommt, dass man mit diesem Gefühl nicht alleine ist und andere Leute, die man vielleicht sogar hoch schätzt, ebenfalls mit solchen Problemen zu kämpfen haben, hilft das erstaunlicherweise. So ist es interessanterweise zu beobachten, dass vor allem Leute, die erfolgreich sind in ihrem Leben, öfter unter dem „Imposter-Syndrom“ leiden. Ich empfehle hierzu folgenden Ted-Talk:

Doch kommen wir dazu, was man tun kann beziehungsweise, was mir geholfen hat, neben der Bestätigung, dass ich mit dieser (Selbst-)Wahrnehmung nicht alleine dastehe.
Ich war am vorvergangenen Wochenende auf dem „Millennium 2 – Im Schach“, einer Vampire Con auf der ich eine für mich sehr untypische Rolle gespielt habe: Einen Anarchen-Brujah. (mehr zu der Con in einem eigenen Beitrag in nächster Zeit). Normalerweise werde ich für Rollen gecastet, die mehr in die Ventrue-Richtung gehen…. arrogante, adelige Arschlöcher (manchmal auch adelig). Das kann ich, das weiß ich. Einen bodenständigen, wilden Typen, das war (relativ) neu für mich. Vor allem, da er beim „Millennium 1“ schon als Hintergrund-Charakter bestand und daher tiefgreifende Verknüpfungen hatte und daher die Erwartungshaltung an mich gefühlt enorm hoch war. Und natürlich war ich nicht zufrieden. Zu wenig hat er agiert, zu viel nur reagiert und nicht ein einziges Mal habe ich einen Plan durchgezogen und auch zugeschlagen. Selbst bei den gestarteten Konflikten war der Charakter am Ende entweder der Verlierer oder sie sind aus anderen Gründen nicht final eskaliert. Ich war massiv unzufrieden.

Und dann kam der Honigduschen-Thread auf Facebook
Eine Spielerin eröffnete ihn und bat darin alle Teilnehmer, zu posten, wen sie gespielt haben. In den Kommentaren zu diesen einzelnen Antworten sollte man dann den Personen schreiben, was man am Spiel mit dieser Person toll fand/sehr genossen hatte. Niemand wurde gezwungen. Es ging nur um Positiv-Verstärkungen.
Die Con hatte ca. 60 Teilnehmer. Wir sind momentan bei ca. 1.000 Kommentaren. Mir kamen mehrfach die Tränen, als ich die Einschätzung der anderen Teilnehmer las, besonders die, bei denen ich am meisten Angst hatte, sie enttäuscht zu haben. Alle (die sich gemeldet haben) waren begeistert von meiner Darstellung. Das Jubeln war so laut (metaphorisch gesehen), dass meine innere kleine Stimme gar nicht anders konnte, als anzunehmen, dass ich meine Rolle gut gespielt hatte. Natürlich schweigt sie nicht für immer. Natürlich ist das keine finale Lösung. Es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch wie ein anderes Sprichwort sagt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Es ist toll, diese Bestätigung zu erfahren. Und es ist keine geheuchelte Bestätigung. Die Leute machen das, weil sie es wollen. Ich genieße diesen Post – auch, weil ich durch ihn anderen ein ähnliches Gefühl geben kann. Kritik können wir später noch äußern und in einem anderen und passenderen Umfeld. Das hier, das ist nur dafür da, sich gut zu fühlen.

Mittlerweile wurde auch noch ein weiterer Thread eröffnet, in dem man Musik-Assoziationen zu einzelnen Charakteren posten kann. Diese sind naturgemäß noch mal abstrakter als das, was beim Honigduschen-Thread gepostet wird, haben auf der anderen Seite aber den emotionalen Vorteil, dass man viel besser das Gefühl rüberbringen/erfahren kann, dass andere Teilnehmer mit bestimmten Charakteren verbunden haben. Das war für mich noch mal eine ganz neue, eigene Form, zu verstehen, wie ich wahrgenommen wurde. Hier geht es noch weniger ums schönreden, sondern noch mehr darum, die Außenwahrnehmung gespiegelt zu bekommen.

Was ich damit sagen möchte:

Liebe Orga, liebe Spieler – wenn ihr Social Media nutzt: Macht sowas. Startet so einen Thread, sei es bei Facebook, in eurem Forum, im Ning… was auch immer für euch der passendste Kanal ist. Der Aufwand für euch ist klein, die Honigdusche hält den Hype und das gute Gefühl um euer Spiel bei euren Teilnehmern und bei euch selbst hoch. Es negiert die Kritik nicht, die man bekommt und es kann, wie beschrieben, noch weitere positive Nebeneffekte haben. Sicher, man hat als Orga keinerlei Verantwortung, die Entwicklung der eigenen Spieler außerhalb der Con zu unterstützen. Doch zumindest in meinem Kopf hat man dennoch genügend Gründe, sich dieser Mechanik zu bedienen. Es geht im Larp darum, sich und seinen Mitspielenden etwas Gutes zu tun.

An die, die wie ich denken, Hochstapler zu sein:
1. Ihr seid nicht allein
2. Ihr seid keine Hochstapler
3. Gönnt euch eine Honigdusche, ihr habt sie euch verdient!

Und nur dieses eine Mal, frage ich dann doch, was euer Larp für euch tun kann und nicht, was ihr für euer Larp tun könnt.


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